Ab dem 1. Juli 2026 ist es in Kalifornien illegal, dass Streaming-Dienste Werbung lauter abspielen als den begleitenden Inhalt. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom hat dafuer im Oktober 2025 das Gesetz SB 576 unterschrieben, das Video-Streaming-Dienste daran hindert, "den Ton von Werbebotschaften lauter zu uebertragen als die Videoinhalte, die die Werbebotschaften begleiten." Damit wird eine Regelung fuer Streaming-Plattformen geschaffen, die Sendern, Kabelanbietern und Satellitenbetreibern bereits durch den federalen CALM Act (Commercial Advertisement Loudness Mitigation Act) auferlegt ist.
Die praktische Konsequenz ist einfach: Wer in Kalifornien Netflix, Disney+, Amazon Prime Video oder Pluto TV schaut, wird ab Juli keine lauteren Werbepausen mehr erleben. Fuer die Streaming-Branche ist das eine erhebliche technische und regulatorische Herausforderung – und fuer Illinois bereits ein vorgezeichnetes Szenario: Der Bundesstaat hat ein aehnliches Gesetz verabschiedet, das am 1. Juli 2027 in Kraft tritt.
Warum das Gesetz jetzt greift
Die kalifornische Regelung reagiert auf ein reale Verbraucherbeschwerde: Die FCC meldete, dass sie im Jahr 2024 "mindestens" 1.700 Beschwerden ueber zu laute Werbung von Sendern und Streaming-Diensten erhalten hat. Im Vorjahr waren es 825, 2022 etwa 750. Der Trend steigt, und mit ihm der politische Druck. Der kalifornische Gesetzgeber hat sich dabei explizit an der Formulierung des federalen CALM Act orientiert, der fuer traditionelle Sender vorschreibt, Werbung nur mit "derselben durchschnittlichen Lautstaerke wie die begleitenden Programme" zu senden.
Das kalifornische Gesetz definiert einen "Video-Streaming-Dienst" als eine Entitaet, die ueber Internet-Protokoll entweder Video-Programme oder Videoinhalte fuer Nutzer zur Verfuegung stellt. Ausgenommen sind Fernsehsender, Kabelnetze und Satellitenanbieter – diese fallen bereits unter die FCC-Regulierung. Die neue Regelung greift also genau dort, wo die Luecke bestand: bei den Plattformen, die das meiste Werbegenerieren und bisher keiner lautenbezogenen Aufsicht unterlagen.
Die Branche wehrt sich
Die Motion Picture Association, der Netflix, Disney, Amazon Prime Video und Paramount angehoeren, sowie die Streaming Innovation Alliance, der Netflix, Disney, Peacock und Pluto TV angehoeren, haben sich dem Gesetz entgegengestellt. In einer Stellungnahme vor dem kalifornischen Senat argumentierten sie, dass "viele" Streaming-Dienste bereits versuchten, die Lautstaerke von Werbung zu kontrollieren, die ueber Server-Side-Ad-Insertion (SSAI) ausgeliefert werde und von der Lautstaerke der Programme abweichen koenne. SSAI-Werbung werde haeufig in verschiedenen Encoding-Pipelines verarbeitet, was zu inkonsistenten Lautstaerken fuehrt.
Hinzu komme die Vielfalt der Ausgabegeraete: Ein Ton-Mischung, die auf einem Fernseher korrekt klingt, kann auf einem Tablet oder Smartphone völlig anders wahrgenommen werden. Die Branche argumentierte daher, dass eine einheitliche Lautstaerke-Schwelle in der Praxis kaum umsetzbar sei.
Technische Umsetzung: File-basierte und Echtzeit-Verarbeitung
Die Fachzeitschrift TV Tech berichtete im Dezember 2025, dass Streaming-Anbieter "dateibasierte und in einigen Faellen auch Echtzeit-Verarbeitung sowie Lautstaerke-Kontrolle in ihre Server-Side-Ad-Insertion-Workflows integrieren" muessen – genau wie sie das bereits fuer ihre Hauptprogramme tun. Das bedeutet: Jedes Werbevideo muss vor der Auslieferung auf eine definierte Lautstaerke-Norm gebracht werden, idealerweise nach dem Standard ITU-R BS.1770, der auch dem CALM Act zugrunde liegt.
Fuer globale Plattformen ergibt sich ein Dilemma: Sie koennten die Lautstaerke-Korrektur nur fuer kalifornische Nutzer anwenden – oder sie rollen sie fuer alle US-Nutzer aus. Die Branche deutet an, dass ein rollout ueber alle US-Bereiche wahrscheinlicher ist, weil getrennte Workflows fuer einzelne Bundesstaaten technisch aufwendig und fehleranfaellig waeren. Das wuerde bedeuten, dass auch Nutzer in Deutschland oder anderen EU-Laendern indirekt profitieren, sofern die Plattformen die US-weite Lautstaerke-Regelung auch global uebernehmen.
Illinois als zweiter Vorreiter
Kalifornien ist nicht allein: Der US-Bundesstaat Illinois hat ein aehnliches Gesetz verabschiedet, das am 1. Juli 2027 in Kraft tritt. Die Tatsache, dass zwei der bevoelkerungsreichsten Bundesstaaten nun laute Streaming-Werbung gesetzlich begrenzen, erhoeht den Druck auf die Branche erheblich. Die Motion Picture Association und die Streaming Innovation Alliance haben sich auch in Illinois gegen die Regelung ausgesprochen, mit denselben Argumenten.
Mit zwei Gesetzen in zwei grossen Maerkten wird es fuer globale Streaming-Dienste praktisch unmoeglich, Kalifornien und Illinois gesondert zu behandeln. Die wahrscheinlichste Entwicklung ist eine US-weite einheitliche Lautstaerke-Norm fuer Werbung, die von den grossen Plattformen implementiert wird – aehnlich wie die Branche beim Thema Datenschutz in Kalifornien mit dem CCPA bereits vorfand, dass sich kalifornische Standards de facto zum US-weiten Standard entwickeln.
Was das fuer Leser bedeutet
Wer einen Streaming-Dienst nutzt, wird ab dem 1. Juli 2026 in Kalifornien – und ab dem 1. Juli 2027 in Illinois – keine lauteren Werbepausen mehr erleben. Da die Plattformen die Regelung voraussichtlich US-weit ausrollen werden, profitieren auch Nutzer in anderen US-Bundesstaaten. Fuer Nutzer in Deutschland und Europa aendert sich vorerst nichts, da die EU keine vergleichbare gesetzliche Lautstaerke-Regelung fuer Streaming-Werbung hat.
Wer technisch interessiert ist, kann die Entwicklung der Lautstaerke-Regulierung in den USA beobachten: Die FCC hat bereits angekuendigt, ihre Beschwerdestelle fuer laute Werbung weiterzufuehren, und die kalifornische Gesetzgebung hat kein privates Klagerecht vorgesehen – die Durchsetzung erfolgt ueber die kalifornische Verbraucherschutzbehoerde. Fuer Streaming-Nutzer ist das Gesetz also vor allem eine Frage der politischen Durchsetzung, nicht des individuellen Rechtswegs.