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Wirtschaftsministerin Reiche in Peking: Deutschlands Balanceakt im Schatten der US-Zölle

Wirtschaftsministerin Reiche in Peking: Deutschlands neue Ost-Strategie

Peking/Berlin, 27. Mai 2026. Während die Abendsonne über dem Pekinger Flughafen Capital International untergeht, beginnt für Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) eine der schwierigsten Missionen ihrer Amtszeit. Die Ministerin ist am heutigen Mittwochabend (Ortszeit) in der chinesischen Hauptstadt gelandet, um in den kommenden drei Tagen über Rohstoffsicherheit, Marktöffnungen und die Zukunft der deutschen Automobilindustrie zu verhandeln. Der Besuch findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem das transatlantische Verhältnis unter US-Präsident Donald Trump auf einen historischen Tiefpunkt zugesteuert ist.

Flucht nach Osten? Der Druck durch Trumps 25-Prozent-Zölle

Der Kontext dieser Reise könnte kaum brisanter sein. Erst vor zwei Wochen hatte Washington gedroht, die angekündigten Strafzölle von 25 Prozent auf europäische Automobile zum 1. Juni 2026 endgültig in Kraft zu setzen, sollte die EU nicht massiven Forderungen im Agrar- und Verteidigungssektor nachgeben. Für die deutsche Kernindustrie ist China damit mehr denn je der „Ankerplatz der Hoffnung“.

Reiche betonte kurz nach ihrer Landung vor mitreisenden Journalisten:

„Wir können es uns nicht leisten, in eine einseitige Abhängigkeit von einem Partner zu geraten, der die Regeln des Welthandels täglich neu infrage stellt. Unsere Reise nach Peking ist kein Bruch mit dem Westen, sondern eine notwendige Diversifizierung unserer wirtschaftlichen Überlebensinteressen.“

Die Agenda: Von Lithium bis zum Verbrenner-Aus

Die offizielle Agenda für Donnerstag und Freitag umfasst Gespräche mit dem chinesischen Handelsminister Wang Wentao und Vertretern der mächtigen Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC).

Die drei zentralen Schwerpunkte der Mission Reiche:

  1. Rohstoff-Sicherung: Deutschland benötigt für den (wenn auch unter Kanzler Merz leicht verlangsamten) Ausbau der E-Mobilität gesicherten Zugang zu Lithium, Kobalt und Seltenen Erden. Hier hofft Berlin auf langfristige Liefervereinbarungen.
  2. Automobil-Zölle: China droht seinerseits mit Gegenzöllen auf europäische Luxuskarossen als Reaktion auf EU-Untersuchungen zu Subventionen. Reiche muss hier einen drohenden Zweifrontenkrieg verhindern.
  3. Green Tech Kooperationen: Trotz geopolitischer Spannungen wollen deutsche Unternehmen wie Siemens und BASF ihre Investitionen in klimaschonende Industrietechnologien in China ausweiten.
Thema Zielsetzung der Bundesregierung
Rohstoffe Partnerschaftsabkommen für kritische Mineralien
Marktzugang Abbau von Hürden für deutsche Mittelständler
Auto-Zölle De-Eskalation und Vermeidung von Vergeltungsmaßnahmen
Technologie Klärung von IP-Fragen bei gemeinsamen KI-Projekten

Kritik aus der eigenen Koalition und von den Alliierten

Doch die Reise ist nicht unumstritten. Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin, geführt von der SPD, kommen warnende Töne. Vizekanzler Lars Klingbeil mahnte an, dass wirtschaftliche Notwendigkeiten nicht dazu führen dürften, dass „Sicherheitsbedenken und Menschenrechte völlig unter den Tisch fallen“.

Noch deutlicher ist die Kritik aus Washington. Ein Sprecher des US-Außenministeriums bezeichnete die Reise am Vormittag als „unglückliches Signal der Spaltung“, während man in den USA versuche, eine geschlossene Front gegenüber Chinas Handelspraktiken aufzubauen.

Ein schmaler Grat für das Kabinett Merz

Für Kanzler Friedrich Merz ist die Mission seiner Wirtschaftsministerin ein riskanter Balanceakt. Er muss einerseits die heimische Industrie schützen, die unter den hohen Energiekosten und dem US-Druck ächzt, und andererseits verhindern, dass Deutschland innerhalb der NATO isoliert wird.

Katherina Reiche, die als enge Vertraute des Kanzlers gilt und vor ihrer Berufung ins Kabinett die Westenergie AG führte, gilt als kühle Strategin. In Peking wird sie beweisen müssen, ob sie die „Sprache der Macht“ beherrscht, von der Merz bei seinem Amtsantritt vor einem Jahr sprach.


Quellen: Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), Reuters Peking, Handelsblatt Live-Ticker vom 27.05.2026.