EU will AWS und Azure als Gatekeeper einstufen: Warum der DMA jetzt in die Cloud greift
Die EU-Kommission hat Amazon und Microsoft am 25. Juni 2026 mitgeteilt, dass AWS und Azure nach ihrer vorlaeufigen Sicht als Gatekeeper unter den Digital Markets Act fallen sollen. Fuer Unternehmen ist das mehr als Regulierungsroutine: Erstmals zieht Bruessel nicht App Stores, Browser oder Messenger in sein schaerfstes Digitalkartellrecht, sondern Cloud-Infrastruktur. Wenn die Entscheidung haelt, geht es um leichtere Anbieterwechsel, mehr Interoperabilitaet und weniger Lock-in genau auf der Schicht, auf der heute viele KI-Projekte aufsetzen.
Wichtig ist der Zeitpunkt: Die Einstufung ist noch nicht final, aber sie kommt nach einer siebenmonatigen Untersuchung und obwohl AWS und Azure laut Kommission die ueblichen quantitativen DMA-Schwellen nicht erfuellen. Amazon und Microsoft duerfen nun Stellung nehmen; bei einer spaeteren endgueltigen Benennung haetten beide sechs Monate fuer die Umsetzung. Fuer europaeische Cloud-Kaeufer ist das bereits jetzt ein Signal, dass Bruessel das Wettbewerbsproblem nicht mehr am Rand, sondern im Kern des AI- und Cloud-Stacks sieht.
Was die EU heute konkret gesagt hat
Nach Darstellung der Kommission sind AWS und Azure der groesste beziehungsweise zweitgroesste Cloud-Anbieter in der EU und ein wichtiges Bindeglied zwischen Unternehmen und deren Kunden. Genau deshalb sollen sie trotz fehlender Standard-Schwellenwerte in den DMA hineingezogen werden. Die Kommission begruendet das mit ihrer Marktrolle, grossen und verfestigten Nutzerbasen sowie Lock-in-Effekten und hohen Wechselkosten.
Zugleich verknuepft Bruessel die Cloud-Frage offen mit dem KI-Markt. In der offiziellen Mitteilung verweist die Kommission darauf, dass inzwischen mehr als die Haelfte der EU-Unternehmen Cloud-Dienste nutzt und die Investitionen in Public-Cloud-Infrastruktur auf Rekordniveau liegen. Die politische Botschaft ist klar: Wer den AI-Boom regulieren will, muss auch die Infrastruktur darunter adressieren.
Warum dieser DMA-Fall anders ist
Der neue Schritt ist deshalb ungewoehnlich, weil der DMA normalerweise stark mit festen Grenzwerten arbeitet, etwa bei Nutzerzahlen oder wirtschaftlicher Groesse. Im Fall von AWS und Azure geht die Kommission nun den qualitativen Weg: Sie sagt sinngemaess, dass beide Dienste auch ohne das formale Abhaken der Standardschwellen als zentrales Zugangstor wirken.
Genau darin steckt der eigentliche Nachrichtenwert. Wenn diese Argumentation haelt, wird der DMA deutlich flexibler als viele Unternehmen bisher angenommen haben. Dann waere nicht nur wichtig, wie gross ein Dienst auf dem Papier ist, sondern wie stark er reale Abhaengigkeiten in Beschaffung, Betrieb und Oekosystem erzeugt.
Was das fuer Cloud-Kunden jetzt bedeutet
Heute aendert sich fuer AWS- und Azure-Kunden noch nichts unmittelbar. Es gibt weder neue Pflicht-APIs noch automatische Vertragsanpassungen ueber Nacht. Trotzdem ist der Fall operativ relevant, weil er drei praktische Fragen nach vorne zieht:
- Wer in Europa langfristige Cloud-Vertraege verhandelt, sollte Exit-Klauseln, Datenexport und Migrationspfade nicht mehr als Nebenthema behandeln.
- Wer seine KI-Workloads stark an proprietaere Dienste eines Hyperscalers bindet, sollte pruefen, welche Wechselkosten dadurch in zwei oder drei Jahren entstehen.
- Wer Multi-Cloud bisher nur als PowerPoint-Strategie fuehrt, bekommt nun einen regulatorischen Grund, diese Architektur realer zu planen.
Sollte die Kommission ihre vorlaeufige Sicht bestaetigen, wuerden fuer AWS und Azure DMA-Pflichten rund um Interoperabilitaet, Datenportabilitaet und faire Wettbewerbsbedingungen greifbar. Genau das koennte die praktische Verhandlungsmacht grosser Unternehmenskunden und europaeischer Cloud-Konkurrenten verbessern.
Warum das fuer KI-Projekte jetzt zaehlt
Der Schritt kommt nicht zufaellig mitten in einer Phase, in der fast jede groessere Software- und IT-Strategie auf generative KI, Agenten oder datenintensive Workloads zeigt. In der Praxis bedeutet das meist mehr Abhaengigkeit von denselben Hyperscalern, ueber deren Plattformen Rechenleistung, Modellzugang, Datenpipelines und Sicherheitsdienste gebuendelt eingekauft werden.
Gerade deshalb ist die Nachricht wichtiger als ein weiterer DMA-Fall gegen eine sichtbare Verbraucherplattform. Wenn sich Lock-in in der Cloud verfestigt, verfestigt er sich indirekt auch im KI-Markt. Bruessel versucht offenkundig, frueher einzugreifen, bevor sich diese Abhaengigkeit noch tiefer in europaeische IT-Landschaften einbrennt.
Was noch offen ist
Amazon und Microsoft koennen die vorlaeufigen Befunde jetzt angreifen. Microsoft hat gegenueber The Register betont, der europaeische Cloud-Markt sei innovativ und wettbewerbsintensiv. AWS warnt laut derselben Quelle, zusaetzliche DMA-Regulierung koenne Investitionen und Innovation in Europa bremsen. Beides zeigt: Die juristische und politische Auseinandersetzung faengt erst an.
Offen ist auch, wie weit ein finaler Gatekeeper-Status am Ende wirklich in einzelne Cloud-Praktiken hineinreicht. Fuer Leser ist deshalb die nuetzlichste Kurzformel: Noch kein sofortiger Produktschock, aber ein sehr konkretes Warnsignal fuer alle, die ihre Infrastruktur, Daten und KI-Dienste zu eng an einen einzelnen Hyperscaler koppeln.
Quellen
- https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/news/commission-reaches-preliminary-position-amazons-and-microsofts-market-leading-cloud-services-should
- https://thenextweb.com/news/eu-cloud-dma-aws-azurecloud-regulation
- https://www.theregister.com/legal/2026/06/25/european-commission-lines-up-amazon-and-microsoft-for-cloud-gatekeeper-status/5262127